Im Januar 2014 erging vom Rectorat d'Amiens (also der Schulaufsicht) der Aufruf zur Beteiligung an einem europäischen Friedensprojekt, geplant für Dezember 2014. Über die Musiklehrerin des Collège Jules Michelet der Partnerstadt Creil, Frau Sandrine Divanac’h, erreichte uns im gleichen Monat dieser Plan. Da das Repertoire des Schulchores für das laufende Schuljahr bereits festlag und ein schuljahresübergreifendes Arbeiten sich als nicht praktikabel erwies, schien es zunächst keine Möglichkeit zur Realisierung zu geben. Im 2.Halbjahr erhielten drei 9.Klassen Musikunterricht, wovon sich in der Klasse 9b spontan die Mädchen für die Vorstellung begeistern ließen, Ende des Kalenderjahres nach Frankreich zu fahren. Im Verlauf dieses Halbjahres wurde die Klasse in mehrere Gruppen geteilt, nach einer Stunde Theorie erarbeiteten sich die Gruppen den Stoff musikpraktisch und die Chorgruppe probte Jenkins.
Mitte April schien das Projekt zu scheitern, das Orchester hatte seine Teilnahme abgesagt. Anfang Mai hatte sich das Organisationsteam in St.Quentin dazu durchgerungen, das Konzert mit einer kleineren instrumentalen Besetzung in Kooperation mit dem Conservatoire St. Quentin zu realisieren. 
Gegen Ende des letzten Schuljahres mussten endgültige Entscheidungen gefällt werden. Von der halben Klasse blieben letztendlich 10 Mädchen, die auch in der folgenden Jahrgangsstufe weiterarbeiten wollten. Der Transport mit dem Thalys wurde organisiert, Herr Koch musste informiert und für das Projekt gewonnen werden, die Suche nach möglichen Förderern begann.
 
Die Probenarbeit hatte mit dem SANCTUS begonnen, einem eingängigen Satz, der auf stetiger Steigerung hin komponiert ist. Danach hatten wir uns dem namensgebenden 1.Satz zugewandt: L’HOMME ARMÉ. L’homme armé (mfrz. Der Mann in Waffen) ist ein französisches Soldatenlied, das vermutlich während des späten 15. Jahrhunderts entstand:

„Den Mann in Waffen muss man fürchten.
Überall hat man ausrufen lassen,
Dass jeder sich bewaffnen solle
Mit einem eisernen Kettenpanzer.
[Denn] den Mann in Waffen muss man fürchten.“

Es wurde in der Folgezeit als volkstümliche Chanson beliebt und zählt zu den bekanntesten Melodien der europäischen Renaissance. Unzählige Messen wurden im Parodieverfahren auf diese Melodie komponiert, alle Komponisten mit Rang und Namen setzten sich damit auseinander: Guillaume Dufay,  Johannes Ockeghem, Josquin Desprez,  Giovanni Pierluigi da Palestrina, um nur einige bekanntere zu nennen. Das Konzil von Trient (ab 1545) versuchte, diese Tradition zu beenden, mit der weltliches Liedgut Eingang in sakrale Kompositionen fanden.
Karl Jenkins knüpft mit seiner Friedensmesse (entstanden 2000, gewidmet den Opfern des Kososvo-Konflikts) bewusst an diese Tradition an. Mit dem letzte Satz des Oratoriums „Better is peace“ , in dem das Soldatenlied in einer freundlichen Dur-Version wiederauftaucht, schließt sich der Kreis aus Messordinarium (Kyrie, Sanctus, Agnus Dei, Benedictus) und Texten über das Grauen des Kriegs: ein japanisches Gedicht über den Feuersturm nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima, apokalyptische Verse aus einem altindischen Epos, das brennende Tiere auf der Flucht beschreibt, der originalen Ruf eines Muezzin. Das Werk ist musikalisch ebenso vielseitig, Passagen mit Filmmusikcharakter wechseln sich ab mit solchen im „alten“ Stil“, archaische Ostinati mit polyphonen Abschnitten, die oft sehr rhythmische Begleitung spricht gerade auch die jungen Sänger an. Bis zu den Sommerferien hatten wir etwas mehr als die Hälfte geschafft, der Wille war da, aber alles blieb noch offen. Vor allem die Frage, ob sich die Schülerinnen nach dem Übergang in die Oberstufe weiterhin für das Projekt interessieren würden!
Nun gab es keine Unterrichtsstunden mehr, eigene Freizeit musste geopfert werden!
Der Mittwochnachmittag erwies sich für alle als günstig für die Sonderproben.
Nach den Ferien entschied sich eine engagierte Schülerin, doch lieber an der zur gleichen Zeit stattfindenden Polenfahrt teilzunehmen, eine andere hat doch Angst vor zu großem Unterrichtsausfall.
Vor den Herbstferien erhielten wir endgültig die Genehmigung von Seiten der Schulleitung, alle Teilnahmegenehmigungen der Eltern lagen vor, die Finanzierung der Partituren war gesichert.
Drei Wochen vor der Fahrt eröffnete uns das Thalysbüro, dass ein Generalstreik in Belgien am 1.12. unsere bereits gebuchte Fahrt von Essen noch Paris unmöglich machen würde. Frau Bozdech gab uns den heißen Tipp mit dem Busunternehmen eurolines.
Zwei Wochen vor der Fahrt hatte ausgerechnet die Schülerin, einen Autounfall, die sich am eifrigsten für das Projekt eingesetzt hatte. Ihre Teilnahme war bis zur letzten Minute unsicher.

Conzert-Karl-Jenkins

Singen für den Frieden

Alle acht Mädchen der Jahrgangstufe 10 machten sich am Montag, den 1.Dezember, gemeinsam mit Frau Kittel und Frau Bozdech auf den Weg nach Frankreich, um einen Beitrag zur Erinnerung an den Beginn des 1.Weltkriegs 1914 zu leisten, mit der Aufführung der Friedens-Messe „The Armed Man“ von Karl Jenkins. Chöre aus fünf Schulen bildeten den Gesamtchor mit 120 beteiligten Schülerinnen und Schülern, begleitet von einem Instrumentalensemble des Konservatoriums St. Quentin.
Statt mit dem Thalys in 6 Stunden Paris zu erreichen, saßen wir insgesamt 14 Stunden in S-Bahn, Bus, Metro und Zug bis in Marls Partnerstadt Creil. Aber die Begrüßung durch ein fröhliches Empfangskomitee mit einem Plakat voller lustiger Noten und mit lachenden Gesichtern der Gastgeber entschädigte für die lange Fahrt.

Friedensprojekt-1

Französische Schüler begrüßen die Gäste aus Marl

Für Dienstag stand der Besuch im Armee-Museum in Paris auf dem Programm. Um 8 Uhr startete der Bus aus Creil, besetzt mit den deutschen Schülerinnen, den französischen Partnerinnen und dem „Comité du Jumelage“, deren Leiterin, Madame Nicolle Saudrais, diesen Ausflug ermöglicht hatte. Jung und Alt wollten sich gemeinsam der Vergangenheit stellen. Der Himmel grau in grau, die Knochen vom Vortag noch etwas steif, der Ausblick auf einen langweiligen Museumsbesuch….Aber alles kam ganz anders! Im „Hôtel des Invalides“ angekommen konnte man seltsame Paraden beobachten, auch die hohe Dichte von schwedischen Fahnen war befremdend! Kurz und gut, wir wurden Zeugen eines sehr offiziellen Staatsbesuchs von Königin Sylvia und König Gustav von Schweden mit allen militärischen Ehren, Abschreiten der Ehrenlegion, Militärkapelle und allem Drum und Dran. Und weil wir so gar nicht französisch aussahen, durften wir auch ganz nah dran und den Auszug der Exzellenzen noch bejubeln. Danach waren alle aber auch so richtig durchgefroren! Für den eigentlichen Museumsbesuch blieb nicht mehr ganz so viel Zeit, aber Frau Bozdech gelang es, in kürzester Zeit die Vorgeschichte zum 1.Weltkrieg vom dt.-frz. Krieg 1870/71 über die Weiterentwicklung der Waffen, die Anpassung der Waffenröcke bis zu den Auswirkungen der Materialschlacht lebendig zusammenzufassen.

Friedensprojekt-2

Begegnung mit dem Creiler Städtepartnerschaftsverein

Uns allen ist die große Disziplin der Schüler und ein durchaus strenger Ton aufgefallen, aber andererseits auch eine gute technische Ausrüstung mit interaktiven Whiteboards und Computern all überall. Damit können alle, wirklich alle Noten quasi direkt auf den Computer der Eltern geschickt werden – alles hat Vor- und Nachteile!
Am Donnerstagmorgen fuhr ein Bus um 7 Uhr Richtung St. Quentin, viel zu früh! Dort blieben wir kurz im Lycée Henri Martin und gegen 10 Uhr begannen die Proben im Theater Jean Vilar. Das gemeinsame Singen unter der Leitung von Laurent Raymond klappte erstaunlich gut.
Um 16:00 Uhr fand die Generalprobe statt, im Publikum Schüler aus St. Quentin. Der Dirigent veranlasste noch letzte Umbesetzungen im Orchester. Dann warfen sich alle in Schale: schwarz mit einem roten Accessoire war angesagt, rote Kunstblumen, rote Ohrringe, Ketten oder Broschen, rote Armbinden, Blusen, Schuhe, Krawatten.
Um 20:30 Uhr folgte dann die eigentliche Aufführung, eingeleitet von einem Tatsachenbericht aus St. Quentin: Genau am 4.12.1914 wurde dort die Erschießung eines Soldaten vollzogen, der als Wachsoldat seinen Posten verlasse hatte, da ihn die Deutschen festgenommen hatten. Nach seiner Freilassung und der Rückkehr zu seinem Regiment wurde er als Deserteur angeklagt und zum Tode verurteilt – Sinnlosigkeit des Krieges, hautnah.

Friedensprojekt-3

Vor der Konzertaufführung

Nach dem beeindruckenden Konzert bedankten wir uns mit zwei Zugaben für den reichlichen Applaus.
Gegen Mittnacht erreichten wir Creil, müde nach einem langen Tag, aber zufrieden mit der Aufführung und schon ein wenig wehmütig, denn dies bedeutete ja nun auch das Ende der lange vorbereiteten Frankreich-Tour. Gegen 11 Uhr am Freitag fand am Bahnhof von Creil ein tränenreicher Abschied statt, aber alle wichtigen Daten und Adressen sind ausgetauscht, Facebook und WhatsApp helfen weiter, vielleicht gibt es den einen oder anderen Gegenbesuch aus Creil? Ein Wiedersehen mit Sandrine Divanac’h ist schon geplant, denn sie wird im kommenden Oktober anlässlich des 40jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft mit ihrem Chor in Marl erwartet.
 

Friedensprojekt-4

Fröhliche Gesichter nach dem gelungenen Konzert

Friedensprojekt-5

Neue Freundschaften geknüpft. Abschied von Creil

Nur einen kurzen Blick konnten wir auf Napoleons Grab werfen, schon ging es im Bus weiter mit einer Sightseeing-Tour durch das Zentrum in Paris, an der Seine entlang, vorbei an der Nationalversammlung, am Louvre, Notre Dame im Hintergrund. Das Ziel waren „Les Halles“, wo es wirklich alles gab, nur keine Souvenirs aus Paris. So müssen die vielen Fotos zum Beweis unserer Anwesenheit in Paris dienen. Mittwochs stand Schule auf dem Programm. Die deutschen Lehrerinnen hatten zunächst einen Termin bei der Schulleiterin des Collège Jules Michelet (einem Schriftsteller und Historiker des 19. Jahrhunderts), Madame Isabelle Baratte. Die Gesprächsatmosphäre war extrem angenehm und entspannt. Wir überreichten den flexiblen Wassereimer mit dem Marler Schriftzug als Geschenk aus der Bergbaustadt. Mme Baratte sichert uns ihre volle Unterstützung zu bei dem Bemühen, einen mehrwöchigen Austausch von einzelnen Schülern zu ermöglichen. Natürlich wünschte sie auch dem Jenkins-Projekt ein gutes Gelingen. Zum Konzert kam sie am folgenden Abend extra nach St. Quentin.

Friedensprojekt-6

Zufällige Begegnung mit Königin Sylvia und König Gustav von Schweden bei einem Staatsbesuch in Paris

Impressum